Siedlergärten

Überwiegend in den 30-er- und 40-er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurden viele Siedlungen am Rande großer Industrieansiedlungen gebaut. Vorausgegangen sind Wellen der Industriealisierung, die einen Zuzug großer Bevölkerungsteile aus Landgebieten zur Folge hatte. Durch die Flucht vieler Familien nach dem 2. Weltkrieg aus den früheren Ostgebieten erlebte in den 50-er Jahren diese Siedlerbewegung neuen Auftrieb. Die Kommunen stellten insbesondere kinderreichen Familien in aller Regel recht große Flächen zur Verfügung. Darauf bauten die Siedler überwiegend in Eigenleistung gemeinsam nahezu identische Einfamilienhäuser in einfacher Bauweise. Man half sich gegenseitig aus und stellte Bautrupps für einzelne Gewerke zusammen, die gemeinsam Haus für Haus nach Feierabend und an den Wochenenden hochzogen. Jeder brachte seine Fähigkeit sinnvoll ein.

Der große Garten diente der Eigenversorgung mit Obst und Gemüse. Im Idealfall war auch ein Stall für Kleintiere wie Hühner, Gänse, Hasen und Ziegen vorgesehen. Ziel war, den Familien Hilfe zur Selbsthilfe zu bieten und die Volksgesundheit zu verbessern. Damit nicht jeder Siedler alle notwendigen Geräte selbst anschaffen musste, wurde häufig ein gemeinsamer Gerätepark geschaffen, aus dem sich der Einzelne die von ihm benötigten Geräte bei Bedarf jeweils ausleihen konnte. Außerdem wurden sie fachlich betreut, damit möglichst hohe und gesunde Erträge aus Garten und Stall von den Einzelnen erwirtschaftet werden konnten. Durch den gemeinsamen Bezug von Brennstoffen, Düngemittel und Sämereien konnten bei den Lieferanten Rabatte erzielt werden, die allen Beteiligten zugute kamen. Daneben organisierte man gemeinsame Feste und schuf für Kinder  und Jugendliche Möglichkeiten des Zusammentreffens und gemeinsamer Aktivitäten.

Diese Grundgedanken leben regional oft etwas abgewandelt auch heute noch in vielen so erstellten Siedlungen weiter. Die frühere Notsituation hat heute Platz gemacht der Achtsamkeit zueinander und dem Bemühen, der Vereinsamung insbesondere älteren Mitbürger vorzubeugen und neue Bewohner schnell zu integrieren. Dort wo auch heute noch aktive Siedlervereine bestehen, sind sie aus den Gemeinden nicht wegzudenken und erfüllen wertvolle soziale Aufgaben. Daneben haben sie häufig Patenschaften für die Pflege von Gemeinschaftsflächen übernommen. Wie in jeder Gemeinschaft hängt es auch hier ganz wesentlich davon ab, ob und welche Menschen mit welchen Ideen sich finden und welcher konkrete Bedarf am jeweiligen Ort besteht. Realistisch kann man sagen, dass sich der Grundgedanke des Siedlerwesens heute in eher ländlichem Umfeld stärker als in den Großstädten mit ihren vielseitigen Zerstreuungsmöglichkeiten und der Anonymität erhalten hat.

Zu erwähnen ist noch, dass viele unserer heutigen Kleingartenanlagen ursprünglich aus einem Siedlerverein heraus ins Leben gerufen wurden. Dies hatte den erfreulichen Effekt, dass dadurch insbesondere junge Familien den Weg in unsere Vereine fanden und so einer Überalterung begegnet werden konnte.